Kirchheims JBBL-Nachwuchs verpasst vorerst die Qualifikation zur Division A, zeigt in München aber eine beeindruckende sportliche und menschliche Entwicklung.
Drei Spiele in drei Tagen, ein Sieg und zwei Niederlagen. Rein sportlich betrachtet hat die JBBL-Mannschaft des VfL Kirchheim ihr Ziel beim Qualifikationsturnier in München zunächst verpasst. Doch wer ausschließlich auf die Ergebnisse schaut, übersieht möglicherweise die wichtigste Geschichte dieses Wochenendes.
Denn die junge Kirchheimer Mannschaft hat nicht nur gegen einige der besten Nachwuchsteams Deutschlands gespielt, sondern vor allem gezeigt, wie viel Entwicklung innerhalb weniger Wochen möglich ist.
„Für mich als Trainer zählt nicht nur, was am Ende auf der Anzeigetafel steht. Mich interessiert vor allem, wie sich unsere Jungs entwickeln, ob sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich etwas zuzutrauen und zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt“, erklärt Headcoach Brian Wenzel.
Gegen den FC Bayern München die eigenen Möglichkeiten aufgezeigt
Zum Auftakt am Freitag wartete mit dem FC Bayern München eine der stärksten Nachwuchsmannschaften Deutschlands.
Bereits vor Spielbeginn war die besondere Atmosphäre spürbar. Für viele Kirchheimer Spieler war es ein außergewöhnliches Erlebnis, sich mit einem solchen Gegner messen zu dürfen. Als die Münchner Spieler die Halle betraten, war durchaus eine gewisse Ehrfurcht zu erkennen.
Doch mit dem Sprungball änderte sich das.
Die Kirchheimer starteten mutig, hielten bis zum 10:10 mit und gestalteten das erste Viertel über weite Strecken ausgeglichen. Auch im dritten Viertel gelang es der Mannschaft erneut, dem Favoriten phasenweise auf Augenhöhe zu begegnen.
Am Ende setzte sich die individuelle Klasse und Erfahrung des FC Bayern deutlich durch. Dennoch spiegelte der Endstand nur bedingt die Entwicklung und die positiven Phasen der Kirchheimer wider.
Besonders Ben Muckenfuß setzte mit 19 Punkten und mehreren spektakulären Dunks ein deutliches Ausrufezeichen gegen die hochkarätig besetzten Münchner.
„Wenn ich überlege, wo wir vor drei Monaten standen, dann hätten wir gegen eine solche Mannschaft vermutlich überhaupt keine Chance gehabt. Heute schaffen wir es, mitzuspielen, Akzente zu setzen und uns gegen einige der besten Nachwuchsspieler Deutschlands zu behaupten. Das ist ein enormer Fortschritt“, so Wenzel.
Dabei ging es dem Trainerteam nicht ausschließlich darum, das Ergebnis möglichst knapp zu gestalten. Auch Spieler, die bislang weniger Einsatzzeit erhalten hatten, sollten die Möglichkeit bekommen, Erfahrungen auf diesem Niveau zu sammeln.
„Natürlich hätten wir mit einer anderen Rotation möglicherweise das eine oder andere Ergebnis enger gestalten können. Aber was bringt es uns langfristig, wenn wir nur auf das Ergebnis schauen? Wir möchten Spieler entwickeln. Dafür müssen sie Erfahrungen sammeln, Verantwortung übernehmen und auch die Möglichkeit bekommen, Fehler zu machen.“
Revanche gegen Crailsheim – ein Sieg, der Entwicklung sichtbar macht
Am Samstag trafen die Kirchheimer erneut auf die Crailsheim Merlins. Erst zwei Wochen zuvor hatte man sich in der regulären Saison nach Verlängerung geschlagen geben müssen.
Diesmal gelang die Revanche.
Obwohl Kirchheim spielerisch nicht seinen besten Tag erwischte und zwischenzeitlich mit rund zehn Punkten zurücklag, bewies die Mannschaft Moral und fand zurück in die Begegnung.
Besonders Milo Krokor übernahm offensiv Verantwortung, traf wichtige Würfe und hielt sein Team in schwierigen Phasen im Spiel.
Eine entscheidende Rolle spielte auch der jüngste Spieler des Kaders: Damian Vujicic, Jahrgang 2012. Mit seiner Schnelligkeit, Athletik und aggressiven Verteidigung brachte er neue Energie aufs Spielfeld und war maßgeblich daran beteiligt, die Begegnung zu drehen.
„Wir haben gegen Crailsheim sicherlich nicht unseren besten Basketball gespielt. Aber wir haben einen Weg gefunden, dieses Spiel zu gewinnen. Vor zwei Wochen ist uns das noch nicht gelungen. Auch das ist Entwicklung.“
Besonders erfreulich war die Anerkennung des gegnerischen Trainerteams. Die Crailsheimer hatten die Kirchheimer bereits beim ersten Aufeinandertreffen erlebt und zeigten sich beeindruckt von den Fortschritten innerhalb der vergangenen zwei Wochen.
Gegen München Ost an körperliche Grenzen gestoßen
Im abschließenden Spiel am Sonntag gegen München Ost mussten die Kirchheimer erneut eine Niederlage hinnehmen.
Nach drei intensiven Turniertagen machte sich die körperliche Belastung zunehmend bemerkbar. Besonders die hohe Intensität und Physis des Gegners stellte die junge Mannschaft vor Herausforderungen.
Dennoch gab es auch in dieser Begegnung positive Ansätze und Spieler, die sich mit ihren Leistungen in den Vordergrund spielen konnten.
„Wir müssen ehrlich sein. Vielleicht wäre die direkte Qualifikation zur Division A zum jetzigen Zeitpunkt noch einen Schritt zu früh gekommen. Wir brauchen noch etwas Zeit, um uns an diese Intensität und dieses Niveau zu gewöhnen. Aber genau dafür sind solche Spiele wichtig. Wir müssen erleben, was auf diesem Niveau gefordert wird, um zu verstehen, woran wir weiterarbeiten müssen.“
Viele individuelle Gewinner trotz verpasster Qualifikation
Was das Trainerteam besonders positiv stimmt, ist die individuelle Entwicklung zahlreicher Spieler.
Edgar Bandke steigerte sich von Spiel zu Spiel, gewann zunehmend an Selbstvertrauen und zeigte immer mehr Präsenz.
Julian Ferchio traute sich im Verlauf des Turniers immer mehr zu und begann, seine Fähigkeiten selbstbewusster einzusetzen.
Luis Thiele übernahm Verantwortung auf einer für ihn noch ungewohnten Position und zeigte, dass er auch dort wichtige Impulse setzen kann.
Eren Yaylaci überzeugte in seinen Einsatzzeiten mit großer Präsenz, Einsatzbereitschaft und starker Arbeit unter den Körben. Gerade gegen den FC Bayern zeigte er, wie wertvoll er für die Mannschaft sein kann, auch wenn sich seine Leistung nicht immer vollständig in den Statistiken widerspiegelt.
Auch Philipp Schmidt, der während des Turniers nur begrenzte Einsatzzeiten erhielt, nutzte seine Möglichkeiten und zeigte, dass auf ihn Verlass ist.
Hinzu kamen die starken Leistungen von Ben Muckenfuß, Milo Krokor und Damian Vujicic, die in entscheidenden Momenten Verantwortung übernahmen.
„Wir haben zwar zwei Spiele verloren, aber unglaublich viele individuelle Gewinner aus diesem Turnier mitgenommen. Spieler, die sich mehr zugetraut haben, die Verantwortung übernommen und Dinge gezeigt haben, die sie vorher vielleicht selbst noch nicht für möglich gehalten hätten.“
Für Wenzel ist genau das ein wesentlicher Bestandteil seiner Trainerphilosophie:
„Wie will ich sehen, was meine Spieler können, wenn sie nicht bereit sind, zu zeigen, wer sie sind?“
„Es geht nicht darum, dass jeder Spieler immer alles richtig macht. Es geht darum, dass die Jungs den Mut entwickeln, sich zu zeigen, sich auszuprobieren und an ihren Herausforderungen zu wachsen. Denn Entwicklung beginnt nicht erst dann, wenn wir gewinnen.“
Anerkennung für eine außergewöhnliche Entwicklung
Besonders erfreulich war die Wertschätzung, die sich die Kirchheimer während des Turniers von gegnerischen Trainern, Spielern und Zuschauern erarbeiteten.
Auch Verantwortliche des FC Bayern München würdigten die Entwicklung und die geleistete Arbeit.
Dabei wurde insbesondere hervorgehoben, dass die Kirchheimer Mannschaft aus Spielern der Region besteht und nicht aus einem überregional zusammengestellten Kader.
„Wenn dir Trainer solcher Nachwuchsprogramme sagen, dass sie großen Respekt vor deiner Arbeit und der Entwicklung deiner Mannschaft haben, dann bedeutet das natürlich viel. Vor allem, weil sie sehen, welche Schritte unsere Jungs innerhalb kürzester Zeit gemacht haben.“
Dabei sind die Voraussetzungen der Mannschaften durchaus unterschiedlich.
Während der FC Bayern auf seinen Nachwuchscampus zurückgreifen kann und München Ost über umfangreiche Trainingsmöglichkeiten mit mehreren Hallen und Krafträumen verfügt, muss der VfL Kirchheim seine Trainingszeiten auf verschiedene Hallen verteilen. Häufig stehen dabei lediglich rund 90 Minuten zur Verfügung.
Für Wenzel ist das jedoch keine Ausrede, sondern vielmehr ein Grund, die bisherige Entwicklung besonders wertzuschätzen.
„Wir haben nicht dieselben Möglichkeiten wie diese großen Nachwuchsprogramme. Aber wir versuchen, aus unseren Möglichkeiten das Maximum herauszuholen. Wenn man berücksichtigt, unter welchen Bedingungen wir arbeiten und wo unsere Spieler noch vor wenigen Monaten gespielt haben, dann ist das, was diese Jungs bislang erreicht haben, wirklich bemerkenswert.“
Ein Team besteht nicht nur aus denen, die auf dem Spielfeld stehen
Eine der vielleicht schönsten Geschichten des Wochenendes spielte sich jedoch abseits des Basketballfeldes ab.
Neben den lizenzierten JBBL-Spielern reisten auch Trainingsspieler mit nach München, die aktuell noch nicht über eine Spielberechtigung für die Jugend Basketball Bundesliga verfügen.
Sie wussten bereits vor der Abfahrt, dass sie während des gesamten Turniers keine einzige Spielminute erhalten würden.
Trotzdem entschieden sie sich, drei Tage mit der Mannschaft zu verbringen, ihre Mitspieler anzufeuern und das Team zu unterstützen.
Sogar die Mutter eines dieser Trainingsspieler nahm die Reise auf sich, obwohl ihr Sohn nicht zum Einsatz kommen konnte.
Für das Trainerteam ist das alles andere als selbstverständlich.
„Das hat mich persönlich wirklich beeindruckt. Da fahren Jungs drei Tage mit uns nach München, obwohl sie genau wissen, dass sie keine Sekunde spielen werden. Nicht, weil sie nicht gut genug sind, sondern weil sie aktuell noch keine Lizenz haben. Und trotzdem sind sie da, feuern ihre Mitspieler an und unterstützen die Mannschaft mit voller Überzeugung.“
Für Wenzel zeigt sich gerade darin, was ein Team ausmacht.
„Eine Mannschaft entsteht nicht nur durch die Spieler, die auf dem Feld stehen. Eine Mannschaft entsteht durch Menschen, die bereit sind, füreinander da zu sein – auch dann, wenn sie selbst nicht im Mittelpunkt stehen.“
Ein besonderer Dank an den Verein und die Eltern
Ein großer Dank des Trainerduos Brian Wenzel und Christian Schmidt gilt dem VfL Kirchheim, der die Mannschaft bei der Organisation und Finanzierung der Reise unterstützte und damit einen wichtigen Beitrag leistete, dass die Spieler gemeinsam an diesem besonderen Wochenende teilnehmen konnten.
Ebenso groß ist die Wertschätzung für die mitgereisten Eltern, die alles daransetzten, ihre Kinder zu begleiten und zu unterstützen.
An allen drei Tagen feuerten sie die Mannschaft lautstark an, standen den Spielern nach schwierigen Momenten zur Seite und trugen maßgeblich dazu bei, dass das Wochenende zu einem besonderen Gemeinschaftserlebnis wurde.
Doch neben der Unterstützung von den Rängen war es vor allem die gemeinsame Zeit abseits des Spielfeldes, die für Spieler, Eltern und Trainer wertvoll war.
Beim Frühstück, in Gesprächen zwischendurch oder am Abend in gemeinsamer Runde entstanden zahlreiche offene und persönliche Begegnungen.
Für das noch junge Trainerteam war dies eine besondere Gelegenheit, die Familien hinter den Spielern besser kennenzulernen.
Gleichzeitig konnten auch die Eltern einen tieferen Einblick in die Arbeit, die Philosophie und die langfristige Ausrichtung des Trainerteams gewinnen.
„Wir sind als Trainerteam noch nicht lange mit dieser Mannschaft zusammen. Deshalb war dieser Austausch unglaublich wertvoll. Wir konnten die Eltern besser kennenlernen, und die Eltern konnten besser verstehen, wie wir arbeiten, warum wir bestimmte Entscheidungen treffen und was wir mit den Jungs langfristig erreichen möchten.“
Dabei ging es auch darum, die einzelnen Spieler als Menschen besser zu verstehen.
„Eltern kennen ihre Kinder natürlich auf eine ganz andere Weise. Wenn sie uns erzählen, wie ihre Kinder mit bestimmten Situationen umgehen, was sie beschäftigt oder wie wir sie vielleicht noch besser erreichen können, dann hilft uns das enorm. Denn am Ende geht es nicht nur darum, bessere Basketballspieler auszubilden, sondern junge Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten.“
Das gemeinsame Wochenende schuf damit eine wichtige Grundlage für Vertrauen, Offenheit und eine noch engere Zusammenarbeit.
„Ich glaube, wir sind an diesem Wochenende nicht nur als Mannschaft gewachsen, sondern auch als Gemeinschaft. Und dafür möchte ich mich im Namen des gesamten Trainerteams ausdrücklich bei allen Eltern, den mitgereisten Trainingsspielern und unserem Verein bedanken.“
Drei Siege, drei Niederlagen – und ein Weg, der gerade erst beginnt
Nach den ersten sechs JBBL-Spielen steht Kirchheim bei einer ausgeglichenen Bilanz von drei Siegen und drei Niederlagen.
Angesichts der Ausgangslage ist dies ein bemerkenswerter Zwischenstand.
Noch in der vergangenen Saison spielten viele der Jungs ein bis drei Spielklassen tiefer. Vor wenigen Monaten war man gegen etablierte Nachwuchsprogramme wie Urspring noch deutlich unterlegen.
Heute hat sich die Mannschaft bereits für ein Qualifikationsturnier zur Division A qualifiziert, gegen Crailsheim erfolgreich Revanche genommen und sich mit einigen der stärksten Nachwuchsmannschaften Deutschlands gemessen.
Die erste Chance auf die A-Runde ist zwar verstrichen, eine weitere Möglichkeit besteht jedoch noch im weiteren Saisonverlauf.
Bis dahin geht es darum, die gesammelten Erfahrungen mitzunehmen, weiter an der sportlichen Entwicklung zu arbeiten und den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen.
Für Wenzel steht fest, dass sich der Erfolg dieses Wochenendes nicht allein an der Tabelle ablesen lässt.
„Natürlich waren die Jungs nach den Niederlagen enttäuscht. Sie wollten gewinnen und haben alles dafür gegeben. Und das ist auch gut so. Aber wir müssen lernen, unsere Entwicklung nicht ausschließlich von Ergebnissen abhängig zu machen.
Wenn ich sehe, was diese Mannschaft jeden Tag investiert, welche Schritte die Spieler in so kurzer Zeit gemacht haben und wie sie inzwischen füreinander einstehen, dann habe ich einen riesigen Respekt vor diesen Jungs.
Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Aber wir sind auf einem sehr guten Weg.“
Sein Fazit nach drei intensiven Tagen in München:
„Wir haben die Qualifikation vorerst verpasst. Aber wir haben als Mannschaft gewonnen – an Erfahrung, an Selbstvertrauen und vor allem an Zusammenhalt.
Wir haben Spieler gesehen, die über sich hinausgewachsen sind. Wir haben Eltern erlebt, die alles dafür tun, ihre Kinder zu unterstützen. Und wir haben Jungs erlebt, die drei Tage mitfahren, obwohl sie wissen, dass sie keine einzige Sekunde spielen werden.
Wenn das kein Erfolg ist, was dann?
Denn am Ende geht es nicht nur darum, was wir als Mannschaft erreichen, sondern auch darum, wer wir auf dem gemeinsamen Weg dorthin werden.“
Für die Kirchheimer JBBL ist die Reise damit noch lange nicht zu Ende. Sie hat gerade erst begonnen.